27.07.2018 von: Tobias Mohrhauer, Fachspezialist Innovation & Produkte SWiBi AG

Das lange Warten auf den Standard

Die schiere Menge an Inhalten und Vorgaben, die letztes Jahr mit der Energiestrategie 2050 angenommen wurden, kann durchaus einschüchternd sein. Da ist es beruhigend, dass sich in den meisten Bereichen kurzfristig nichts ändern wird, da die Bestimmungen erst in Jahren bzw. Jahrzehnten zu echten Konsequenzen führen werden, z.B. wenn der Kernkraftwerkspark vollständig abgeschaltet ist.

Eine Ausnahme bilden hier allerdings das Zählermanagement und Messwesen. Laut Energiestrategie 2050 ist nämlich vorgesehen, dass in nicht einmal zehn Jahren mindestens 80% aller Strommesspunkte der Schweiz mit Smart Metern ausgelesen werden müssen. Angesichts einer bisherigen Quote von ungefähr 13% ist bis dahin noch viel zu tun. Obwohl die Vorgaben an die neuen Zähler sehr klar sind, tun sich viele Energieversorgungsunternehmen schwer mit der Entscheidung für ein System. Die Entscheidung wird erstmal aufgeschoben.

Die EINE Lösung?
Es gibt eine Menge an unterschiedlichen Smart Meter Systemen, jede mit eigener Kommunikationstechnologie und Funktionen. Oftmals können die verschiedenen Systeme gar nicht oder nur schwer miteinander kommunizieren und ständig hört man von bald neuen Technologien, die viel besser geeignet wären und viel mehr können. Es scheint, als habe sich noch kein Standard durchgesetzt. Es ist somit verlockend, erst einmal abzuwarten und zu schauen, welches System sich durchsetzen wird. Man wartet auf die eierlegende Wollmilchsau, die One-Fit-All-Lösung, die einfach funktioniert, immer funktionieren wird und alles kann. Diese Denkweise basiert aber auf einer Fehlüberlegung.

Smart Meter als Teil der Kommunikationsbranche
Die fortschreitende Digitalisierung versetzt die Telekommunikationsbranche in einen solch schnellen Wandel, den man sich in anderen Industrien nicht gewohnt ist. So wurde z.B. erst Ende 2012 das LTE-Netz in der Schweiz in Betrieb genommen und schon dieses Jahr ist der Aufbau des 5G-Netzes in Planung. Dies ist eine Geschwindigkeit von Technologiewechseln, die in den meisten anderen Industrien schwer vorzustellen ist. Mit dem Smart Meter trifft die Energieindustrie jetzt aber genau auf diese dynamische Telekommunikationsbranche und wird somit Teil eines schnellen Wandels. Die bisherige Denkweise, wo Technologieentscheidungen für Jahrzehnte gemacht werden, ist somit nicht mehr anwendbar.

Einen fertigen, perfekten Standard wird es somit bei Smart Metering niemals geben. Die nächst bessere Technologie wird immer bereits am Horizont sein. Wer also immer auf die bessere, nächste Technologie wartet, wird noch lange warten. Man kann diese Entwicklung analog zum privaten Handygebrauch betrachten. Obwohl mit 5G eine neue Technologie vor der Tür steht, hält das niemanden davon ab, sich heute ein Handy zu kaufen, da sich die Wechselzyklen stark erhöht haben. Und während im privaten Handygebrauch ein Wechselzyklus ca. zwei Jahre dauert, werden es beim Zählermanagement künftig acht bis zehn Jahre sein. Das entspricht einer rasanten Beschleunigung zur bisherigen Wechselrate und ermöglicht regelmässige Anpassungen an die schnell verändernden Bedingungen im Markt. Es kann nur geschätzt werden, welche Entwicklungen das nächste Jahrzehnt in Bereichen wie Elektromobilität, Fintech und ERP-Systemen bringt.

Entscheidungen legen den Grundstein der Zukunft
Die Vorgaben der Energiestrategie - die Zählerinfrastruktur zu modernisieren - institutionalisiert somit eigentlich nur die Digitalisierung des Messwesens, die so oder so stattfinden würde. Der Zwang, sich in den nächsten Jahren für eine Lösung zu entscheiden, kann als Vorbereitung auf eine Zukunft gesehen werden, wo Abwarten keine Option mehr ist und Entscheidungen immer häufiger getätigt werden müssen, denn fortan lautet die Devise «Nach dem Rollout ist vor dem Rollout».


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