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29.07.2019 von: Walter Steinmann - Steinmann Consulting

E-Autos und das Gespenst der Arbeitslosigkeit

Sommerflaute auf der Nachrichtenseite: wir lesen täglich vom Kaiman im Hallwilersee und erfahren, dass Füchse in Zürichs Spitäler eindringen.Und das Schweizer Fernsehen weiss zu berichten, dass wegen dem Change zu Elektro-Autos bis zu 30‘000 Arbeitsplätze in der Schweizer Zulieferindustrie gefährdet seien. Denn die grossen deutschen Autokonzerne VW, BMW sowie Mercedes rechneten damit, dass bis 2030 jedes zweite neu verkaufte Auto einen Elektromotor haben werde, das wirke sich auch auf die Schweizer Zulieferer aus. Sofort werden darauf in den sozialen Medien Ausgleichsmassnahmen für die betroffenen Mitarbeiter gefordert, auf dass deren Not gelindert werden kann.

Wer hat die Nase vorn?
Seit einigen Jahren bin ich mir mit Toni Gunzinger einig, dass bei den E-Autos nicht Europa sondern China an der Spitze ist. Denn das Kernstück dieses Typs Auto ist die Batterie, da haben die Chinesen in den letzten Jahren bei Forschung sowie Massenfertigung enorme Fortschritte gemacht. Und sie haben mit E-Fahrzeug-Quoten bei den neu in Verkehr gesetzten Autos auch ein probates marktwirtschaftliches Steuerungsinstrument eingeführt, welches Wirkung zeigt. Die deutschen Automobilhersteller haben vorerst versucht, auf dem für sie wichtigen Chinamarkt von dieser Quote ganz oder teilweise befreit zu werden. Gleichzeitig haben sie in Deutschland lange Zeit der Regierung mit Verweis auf die möglicherweise gefährdeten Arbeitsplätze Druck gemacht, die Elektroautos nur gerade als zu subventionierende Nebenerscheinung auf dem Automarkt anzusehen und weiter fossil betriebenen Fahrzeugen Priorität einzuräumen. Erst nach dem Dieselskandal sowie den nun vorliegenden Pariser Klimazielen hat es bei den deutschen Autokonzernen gedämmert, dass diese Strategie Schiffbruch erleiden könnte. Flugs hat Wirtschaftsminister Altmaier die Förderung der Batteriezellenfertigung zur Priorität erklärt und will dafür bis zu 1 Mia Euro zur Verfügung stellen. Ob es damit gelingt, gegenüber China wettbewerbsfähig zu werden, ist vorläufig offen.

Das Los der Zulieferindustrie
In der Schweiz werden seit Jahrzehnten Autos nicht mehr in Grossserie hergestellt, unsere Wirtschaft war und ist aber ein wichtiger Zulieferer für die europäische und internationale Automobilindustrie. Ein Grossteil unserer Zulieferindustrie zählt zu den Klein- und Mittelbetrieben, doch haben auch einige Grossunternehmen Sparten, in welchen sie Teile für externe Kunden fertigen. Zulieferer sind immer dem Wettbewerb ausgesetzt, müssen Kosten reduzieren, sich permanent weiterentwickeln und innovative Ideen umsetzen, um die bisherigen Abnehmer halten zu können. Da Märkte wegbrechen können und die Produktion sich international verlagert, sind Zulieferer gefordert, immer wieder auch neue Kanäle zu möglichen Abnehmern zu suchen. So mussten sich in den Achtzigerjahre die Zulieferer der Uhrenindustrie neue Absatzmärkte suchen, ähnlich ging es verschiedensten Firmen der Metall- und Maschinenindustrie, welche bisher für Sulzer, BBC, Escher-Wyss etc. Teile für Turbinen, Textilmaschinen oder Mühlen hergestellt hatten. Ich halte es deshalb für ziemlich verfehlt, jetzt bereits wegen der Zunahme der Elektroautos auf Panik zu machen, weil möglicherweise Arbeitsplätze bei den Schweizer Zulieferern gefährdet sind, denn Zulieferer hatten und haben sich immer wieder auf neue Märkte auszurichten.

Wo der Change durchaus dramatischer sein könnte....
Weit eher erwarte ich einen eigentlichen Bruch beim Garagengewerbe sowie bei den Tankstellen und deren Shops. Nicht nur benötigen Elektroautos weniger Wartung, sondern es stehen mit dem Übergang zur Mobilität als Dienstleistung, dem Sharen von Fahrzeugen sowie dem autonomen Fahren eigentliche Revolutionen bevor. Das dürfte zu einer Reduktion der Anbieter, des Unterhalts- und Reparaturgewerbes aber auch der Tankstellen führen. Klar ist für mich, dass damit auch Arbeitsplätze zur Disposition stehen. In einem offenen und flexiblen Arbeitsmarkt werden sich aber wohl grossteils für die Betroffenen neue Arbeitsmöglichkeiten finden lassen. Die UBS rechnet nämlich in ihren neusten Prognosen, dass in der Schweiz bis 2030 rund 300‘000 - 500’000 Arbeitskräfte fehlen werden. Ein Grossteil des Wandels dürfte also ohne Schwierigkeiten über den Markt gelöst werden, weil Arbeitskräfte bereits heute knapp sind und in Zukunft noch mehr sein werden. Erfreulich ist zudem, dass für die eigentliche Problemgruppe, die älteren Arbeitslosen, nun vom Bundesrat Überbrückungshilfen angedacht sind, welche statt eines Abgleitens in die Sozialhilfe neue massgeschneiderte Lösungen bringen werden.

Gelassener dem Strukturwandel begegnen
Vor 60 Jahren war es noch üblich, im Alter von 16 Jahren bei einer Firma wie Bally, von Roll, Sulzer oder BBC einzutreten und bis zum Alter 65 dort das ganze Arbeitsleben zu verbringen: es gab eine ungeschriebene Arbeitsplatzgarantie, aber damit verbunden auch eine nicht geringe Abhängigkeit von einem Patron. Heute wechseln wir im Laufe unseres Berufslebens des öftern den Arbeitgeber, viele wollen sich weiterentwickeln, Neues kennenlernen, im Ausland schnuppern und mit verschiedensten Erfahrungen ausgestattet Karriere machen.

Wir sollten deshalb nicht nur in der Sommerpause mögliche Veränderungen bei einzelnen Branchen mit mehr Gelassenheit zur Kenntnis nehmen, sondern uns bewusst sein, dass in einer international ausgerichteten, kleinen offenen Volkswirtschaft keine Arbeitsplätze auf Jahre und Jahrzehnte sicher sind: der Wandel ist allgegenwärtig, wir müssen mit dem Strukturwandel umgehen lernen und nicht immer in den Medien gleich das Gespenst von Arbeitsplatzabbau und Arbeitslosigkeit an die Wand malen. Aber mit Bildern, die sich einmal eingeprägt haben, macht halt auch unser Fernsehen immer wieder ein wenig auf Stimmung, nicht nur während der Sommerflaute.


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