01.07.2020 von: Walter Steinmann

Mit der Klimajugend unterwegs

Der Kanton Glarus gilt in den Zentren unseres Landes nicht gerade als Ort der Moderne. Viele meinen, diese Region habe nach dem Niedergang der Textilwirtschaft ihre besten Zeiten hinter sich, und sich im Sog der Metropolen Zürich und Zug kaum mehr eigenständig entwickeln könne. Denn die beiden ältesten Glarner seien der Föhn und der Neid, man sei individualistisch eingestellt und habe nicht die Kraft, gemeinsam mit schwungvollen Projekten die Zukunft zu gestalten.

Überraschendes Glarus
Doch immer wieder macht der Kanton mit einzelnen - beinahe revolutionären - Entscheiden auf sich aufmerksam. Ein erstes Zeichen setzte die Glarner Landsgemeinde 2006 mit dem Beschluss, dass der Kanton statt aus 25 Gemeinden nur noch aus den drei Gemeinden Glarus-Nord, Glarus und Glarus-Süd bestehen solle. Innert weniger Jahre wurde dies umgesetzt. So konnten professionellere Strukturen geschaffen werden, was sich längerfristig auch ausgabenmässig positiv auswirken könnte. Ein zweites Mal staunte die Schweiz über den Kanton Glarus, als er 2007 das Stimmrechtsalter 16 auf Kantons- und Gemeindeebene einführte. Und jetzt klimabewegt sich etwas im Kanton, was für andere Kantone zum Vorbild werden könnte. 

Klimajugend im Dialog mit der Regierung
Seit dem Frühjahr 2019 demonstriert in der Schweiz die Klimajugend. Es finden Umzüge statt, es werden am Freitag Reden gehalten und Forderungen aufgestellt. Im Kanton Glarus hat sich die Klimajugend anders aufgestellt. Zwar finden auch dort kreative Demonstrationen vor dem Rathaus statt, in Zeiten der Corona-bedingten Versammlungsverbote waren dies beispielsweise 151 Paar Schuhe und verschiedenste bunte Plakate. Aber parallel hat die Klimajugend den Dialog mit der Politik aufgenommen, um ihren Ideen, Wünschen und konkreten Forderungen zum Erfolg zu verhelfen.

Im vergangenen Jahr hat Professor Thomas Stocker der Glarner Klimajugend während zwei Tagen die wesentlichen Hebel der Klimapolitik präsentiert. Diesen Juni durfte ich in einem zweitägigen Workshop einzelne Projekte mit ihnen diskutieren. Spannend war, dass gleich zwei Regierungsmitglieder mit von der Partie waren: Energiedirektor Chäpp Becker (BDP) wie auch Volkswirtschaftsdirektorin Marianne Lienhard (SVP).

Ambitiöse Ziele: Klimaneutral 2030
Die Glarner Klimajugend will als Bewegung im Kanton eine Aufbruchsstimmung erzeugen, die viele Leute begeistern soll. Die Vision ist, bereits im Jahre 2030 als Pilotkanton klimaneutral zu sein. In diversen Veranstaltungen werden seit Monaten mögliche Schritte diskutiert, es werden alle wesentlichen Wirtschaftsgruppen eingeladen und man versucht, innovative Projekte gemeinsam zu lancieren. Die Klimajugend setzt sich vor der nächsten Landsgemeinde für ein griffiges Energiegesetz ein, sie unterstützt geplante Windkraftwerke, sie ergreift Initiativen, um gemeinsam mit den lokalen Elektrizitätsunternehmen, den Bauern aber auch den Konsumenten die Photovoltaik im Kanton massiv auszubauen.

Mobilität, Stromproduktion sowie Wärme neu denken
Die Klimajugend lädt Experten ein, um neue Mobilitätsansätze zu erörtern und von der bisher praktizierten „Problemlösung“, dem Bau neuer Umfahrungsstrassen, wegzukommen. Der öffentliche Verkehr soll attraktiver gemacht, Bahnhöfe mit Charging-Stationen für e-bikes und e-Autos ausgerüstet und neue Lösungen für den Transport von Paketen sowie Gütern gesucht werden. Und die Jugend will auch die bisherige Strom- und Gasversorgung ökologischer ausgestalten. So könnte der dem Kanton zustehende Anteil des Stroms aus dem Kraftwerk Linth-Limmern langfristig primär der einheimischen stromintensiven Wirtschaft zur Verfügung gestellt werden. Das im Kanton verfügbare Holz könnte stärker genutzt und in Bilten ein eigentlicher Energiehub oder ein Energieschloss errichtet werden.

Wirtschaft und Bevölkerung sind offen - das erste Klimabüro
Ich habe bei meinem zweitägigen Besuch mit verschiedensten Vertretern der Wirtschaft sowie Politik diskutiert. Die Aufbruchsstimmung in diesem Kanton ist spürbar: Viele überlegen sich, was sie besser, anders machen könnten. Da werden von jungen IT-Cracks Apps für die kundenfreundliche Bestellung von PV-Panels entwickelt, da ist der Bauernverbandspräsident mit spannenden Energie- und Nahrungsmittelprojekten unterwegs, da erarbeitet der Zirkus Mugg ein zukunftsweisendes Energie- und Klimakonzept. Bei vielen ist spürbar, dass sie sich für eine hohe Lebensqualität engagieren und gleichzeitig dem Klima-und Umweltschutz zum Durchbruch verhelfen wollen. Und am 1. Juli 2020 startet das Klimabüro Glarus: ein Maturand wird auf Initiative der Klimajugend für ein halbes Jahr die pfiffigsten Projekte vorantreiben - bezahlt über private Beiträge und Sponsoren.
Quelle und gesamter Artikel: steinmannconsulting.ch


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