25.04.2019 von: Walter Steinmann - Steinmann Consulting

Von Irrlichtern und Powerhäusern

In den letzten Monaten lesen wir immer wieder Interviews und Texte mit der Botschaft „der Ausstieg aus der Atomenergie sei einer der dümmsten Entscheide der jüngeren Zeit“ (NZZaS 21. 4. 2019). Ähnliche Behauptungen, damals gekoppelt mit dem Hinweis, dass derartige Ereignisse nur im abgewirtschafteten Sowjetsystem möglich wären, begannen auch acht Jahre nach Tschernobyl die Runde zu machen. Sie führten in der Schweiz nach intensiven parlamentarischen Diskussionen dann 2003 zur Schaffung des Kernenergiegesetzes, welches neue Kraftwerke grundsätzlich möglich machte aber jedes einzelne dem fakultativen Referendum unterstellte. Man hielt dies für einen ausgezeichneten Kompromiss: die KKW-Befürworter gingen davon aus, dass mit dem Gespenst der drohenden höheren Strompreise sowie der gefährdeten Versorgungssicherheit jede Volksabstimmung zu gewinnen sei. Und so machten sich denn ATEL, Axpo und BKW vorerst daran, je separat ein neues Kernkraftwerk (korrekt Ersatzkernkraftwerk) zu planen, bis am 11. März 2011 mit Fukushima die Träume platzten und Millionen abgeschrieben werden mussten. Denn die damalige Analyse von Doris Leuthard, dass durch dieses Ereignis Volksmehrheiten für neue Kernkraftwerke auf Jahrzehnte verunmöglicht würden und absehbare neue Sicherheitsvorschriften zu höheren Kosten führen, dürfte noch auf Jahre Bestand haben.

Erneuerbare werden immer günstiger
Der damit eingeleitete Umbau der Energiesysteme hat eingesetzt und die preisliche Konkurrenzfähigkeit hat sich massiv verändert. Dezentral produzierte erneuerbare Energien, bei uns insbesondere Photovoltaik PV, ist auf dem Weg zur Netzparität, kostet den kleineren Endkonsumenten ähnlich viel/wenig wie zentral produzierter und über diverse Leitungsebenen transformierter Strom. An den weltbesten Standorten sind heute die Produktionskosten PV sowie Wind deutlich unter den Gestehungskosten von Strom aus Kernkraft-, Kohle- und Kombigaskraftwerken. Zudem sprechen die in die Produktionskosten der alten Technologien nicht oder zumindest nicht vollständig eingerechneten externen Effekte (CO2-Kosten) sowie Risiken (Versicherung GAU) für einen Switch zu den Erneuerbaren. Man kann auch davon ausgehen, dass durch intensive Forschung sowie kluge Anreize die aktuellen Herausforderungen Speicherung sowie Back-up in den nächsten Jahren gemeistert werden können.

Das neue Selbstverständnis von Swissnuclear

In der Schweiz hat sich ein Grossteil der Wirtschaft sowie insbesondere auch der Strombranche inzwischen für eine Unterstützung des durch den positiven Volksentscheid zur Energiestrategie 2050 skizzierten Wegs entschieden. Erfreulicherweise hat auch Swissnuclear, die Vereinigung der Kernkraftwerksbetreiber, sich ein neues Ziel gegeben: sie verstehen sich als Teil der Energiestrategie 2050 und setzen alles daran, in der Transitionsphase bis zur Vollversorgung mit Erneuerbaren die Schweiz sicher und zu angemessenen Preisen mit Strom aus den bestehenden Kernkraftwerken zu versorgen.

Irrlichternder Gewerbeverbandschef
Immer wieder irrlichternde Signale gibt demgegenüber der Präsident des Nuklearforums, Gewerbeverbandsdirektor Nationalrat Hans-Ulrich Bigler ab. Kernkraftwerke sind ja nicht Technologien, welche auf gewerblich dezentraler schweizerischer Produktion basieren, sondern da werden die meisten Teile sowie viele Arbeitnehmer für Bau, Jahres-Unterhalt und Stilllegung importiert. Es ist deshalb schon leicht verwunderlich, dass sich der Gewerbeverbandschef an die Spitze dieser Vereinigung setzt anstatt sich für die rasche und kostengünstige Umsetzung der Energiestrategie 2050 zu engagieren, welche ein eigentliches Beschäftigungsprogramm für viele gewerbliche Branchen darstellt. Da könnte sich der oberste Gewerbler beispielsweise mit einer aktiven Umsetzung der von vielen Branchenverbänden zusammen mit Doris Leuthard unterzeichneten Weiterbildungs-Charta Energie profilieren. Leider lässt es der nationale Gewerbeverband gar zu, dass auf kantonaler Ebene unter dem Einfluss der Öligen Referenden gegen die Umsetzung der Energiegesetze angezettelt und mit Unterstützung der KMU-Wirtschaft dank schrägen Behauptungen im Abstimmungskampf gewonnen werden.

Ein letztes Aufbäumen der Heizöl-Lobby?
Die Erdölvereinigung hatte vor einigen Jahren signalisiert, dass sie sich aus dem Wärmemarkt zurückziehen und auf die Mobilität focussieren möchte. Unter dem Einfluss des auf Heizöl ausgerichteten Teilverbands Swissoil (Präsident NR Albert Rösti) haben sich aber die Händler durchgesetzt und starten wieder Werbekampagnen sowie Lobbying auf kantonaler Ebene für den Ersatz von Ölheizungen durch neue Ölheizungen. Aber wie schrieb doch die NZZaS im Januar: „Solarpanels und Wärmepumpen befreien die Schweiz vom Heizöl“. Die aktuell mit der CO2-Gesetzesrevision geplanten Erhöhungen der CO2-Abgabe werden diesen Ausstieg begünstigen.

EVUs mehr als Verkäufer von Strom und Gas
Die rasch sinkenden Kosten für Photovoltaik zusammen mit den neuen auf die Produktion von Strom als Eigenkonsum und Nachbarschaftsprojekte ausgelegten Regulierungen bringen die Energieversorger in eine ganz neue Rolle. Sie könnten sich mehr und mehr als Generalunternehmen für Energiedienstleistungen positionieren und sich mit Strom-, Wärme- und Kältelösungen für Häuser, Gebäudeparks sowie ganze Quartiere profilieren. Die ersten Energieversorger richten sich darauf aus und überraschen Bauherren, Entwickler sowie Architekten mit ganzheitlichen Lösungen, welche Produktion, Verbrauch und Effizienz klug kombinieren und daraus massgeschneiderte Angebote für Konsumenten und Immobilieninvestoren machen.

EVUs als Powerhäuser der smart city
In diesen EVUs wird Kompetenz gebündelt, zwar ist meist nicht alles inhouse vorhanden, sondern wird projektweise mit Know-how innovativer Ingenieur- und Beratungsbüros gepaart sowie pfiffigen IT-unterstützten Start-uplösungen gekoppelt. Das ist wohl der pragmatische Schweizer Weg zur smart-city, in welcher die Schweizer Energieversorger (sowie ihre Eigentümer) die Wahl haben, sich als voll digitalisiertes EVU 4.0 oder als auf die traditionelles Netzaufgaben focussiertes EVU 1.0 aufzustellen. Der Weg zum EVU 4.0 braucht Ressourcen, Kreativität, Durchhaltewillen und die Bereitschaft, Rückschläge auszuhalten - sowohl bei den Führungsteams wie auch bei den Eigentümern, denn es werden wohl nicht alle ans Ziel kommen...
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