16.09.2016 von: energie-cluster.ch

"Energie muss als Gesamtsystem verstanden werden"

Interview mit Michael Frank, Fürsprecher, Direktor des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE).

Lange Zeit folgte der Weg des elektrischen Stroms klar vorgegebenen Bahnen: Von der Erzeugungsstätte gelangte er termingerecht und frisch generiert an den Ort, wo er gebraucht wurde. Mittlerweile fliesst er durch Netze, in denen gelegentlich «Gegenverkehr» herrscht und auch Speicherstationen vorzufinden sind. Die digitale Revolution bietet neue, die Effizienz steigernde Mittel, dieses Netzwerk zu steuern. Diesem Thema ist der Tageskurs «IT geführte Netze» des energie-cluster.ch gewidmet. Auch die Elektrizitätsunternehmen müssen sich den neuen Herausforderungen, die sich im Netz ergeben, stellen. Denn der Wandel ist unumkehrbar.

Wie werden die «neuen Zauberworte» wie Smart Grid, Smart Metering, Lastmanagement oder thermische und elektrische Speicherung aktuell im VSE diskutiert?

Sie sind entweder Gegenstand der aktuellen politischen Debatte oder werden im Rahmen von Branchenempfehlungen gerade bearbeitet. In Einzelfragen haben wir bereits Empfehlungen verabschiedet. Sicher werden diese neuen Technologien im Projekt «Energiewelten» des VSE eine wichtige Rolle spielen.

Verändert sich durch die neuen Netz-Konzepte das Verhältnis zwischen den Stromanbietern und -vertreibern? Führen die technischen Möglichkeiten, die sich aus der Digitalisierung ergeben, zu neuen Hierarchien und Abhängigkeiten?
Netzkonvergenz, also das Zusammenwachsen der Energienetze, ist für den VSE eine sehr wichtige Thematik – und es ist ein prägender Zukunftstrend. Neue Geschäftsmodelle werden sich daraus entwickeln, neue Dienstleistungen im Angebot auftauchen. Ganz wichtig: Auch die Regulierung muss dieser «Welt von morgen» angepasst werden. Wie das alles im Detail aussieht, wird die Zukunft weisen. Doch Energie muss als Gesamtsystem verstanden und behandelt werden.

Wie greift der VSE bei diesen Umwälzungen aktiv in das Geschehen ein?
Der VSE hat im Sommer 2015 ein Projekt mit dem Arbeitstitel «Energiewelten – Marktmodelle» ins Leben gerufen. In «Energiewelten» erarbeitet der Verband energiewirtschaftliche Zukunftsszenarien. Die Treiber sind dabei politischer, energiewirtschaftlicher oder technologischer Natur. Im Teilprojekt «Marktmodelle» werden die dazugehörigen Marktmodelle, d. h. die entsprechenden Ordnungsrahmen, untersucht. Ziel ist eine aussagekräftige Vision – eine Zielvorstellung – für die Energiewelt von morgen.

Gibt es unter diesen Umständen noch so etwas wie «Swissness» bei den Elektrizitätsunternehmen? Falls ja, wodurch äussert sich diese?
Selbstverständlich gibt es sie noch. Auch in Zukunft wird nämlich Versorgungssicherheit ein wichtiges Thema sein – sichergestellt durch Schweizer EVU. Gerade unsere Wasserkraft, Inbegriff der erneuerbaren heimischen Energie, ist sozusagen pure, klimafreundliche Swissness.

Die neuen Netz-Konzepte weisen in Richtung Dezentralisierung und eines Verbrauchs möglichst nahe der Erzeugungsquelle. Sind Ihre Mitglieder für diese Entwicklung gerüstet?
Zunehmende Dezentralisierung und wachsender Eigenverbrauch sind Realität. Wir wissen nicht, wie der Endausbau genau aussehen wird – aber diese Trends prägen das Energiesystem immer stärker. Unsere Mitglieder sind unterschiedlich davon betroffen, bzw. setzen sich unterschiedlich damit auseinander. Viele haben (Pilot-)Projekte am Laufen, welche sich dieser Trends annehmen.

Potenziell sollte sich Ihr Verband dank der Diversifizierung über einen Zuwachs an Mitgliedern freuen können. Findet dieser Zuwachs statt?
Es trifft zu, dass mit den aktuellen Entwicklungen neue Unternehmen entstehen. Insbesondere Dienstleister im Energiebereich profitieren von der Digitalisierung und Konvergenz der Netze. Vor zwei bis drei Jahren hat der VSE seine Statuten darum dahingehend geändert, dass auch Energiedienstleister VSE-Mitglieder werden können. Ich denke da etwa an Firmen, die das Zählwesen, die Rechnungsstellung oder das Energiedatenmanagement übernehmen etc.

Wird es dadurch schwieriger, die verschiedenen Interessen unter einen Hut zu bringen?
Es ist ja gerade das Spannende in einer Demokratie, dass verschiedene Interessen unter einen Hut gebracht werden müssen. Das bedingt, dass wir uns beim VSE miteinander auseinandersetzen – denn diese Reibung bringt stets auch grosse Chancen. Bis jetzt sind dadurch nicht nur in der Branche, sondern in der ganzen Schweiz immer bessere und tragfähigere Lösungen entstanden.

Die Ideen rund um das Netzmanagement sind enorm vielseitig. Dies wird auch der Tageskurs «IT geführte Netze» des energie-cluster.ch deutlich machen? Nicht immer ist es einfach, vor lauter Bäumen noch den Wald zu sehen. Wie findet der VSE in dieser Phase des Umbruchs seinen Kurs?
Um «vor lauter Bäumen den Wald doch noch zu sehen», müssen wir uns einerseits systematisch mit den einzelnen Entwicklungen auseinandersetzen. Was bedeuten sie fürs Ganze? Was der VSE aktuell beabsichtigt ist indes die Vogelperspektive auf den Wald. Der Blick aufs Gesamtenergiesystem also. Und diesen Blick soll uns das Projekt «Energiewelten» ermöglichen.
Quelle: energie-cluster.ch
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